- Entstanden vor rund 7.700 Jahren durch den Kollaps des Mount Mazama
- Mit 592 Metern der tiefste See der USA
- Die Klamath-Sage von Llao und Skell bewahrt den realen Ausbruch
- Der „Old Man" treibt seit über 100 Jahren senkrecht im See
Wer zum ersten Mal an den Rand tritt, hält für einen Moment die Luft an. Tausend Fuß unter den Füßen liegt eine Wasserfläche, die kein Foto je richtig wiedergibt. Kein Türkis, kein gewöhnliches Seeblau, sondern ein tiefes, sattes Indigo, das fast künstlich wirkt. Touristen kontrollieren reflexartig ihr Handy, überzeugt, die Kamera sei kaputt. Sie ist es nicht.
Was am Crater Lake im Süden Oregons besonders auffällt, ist die Stille. Kein Bach plätschert herein, kein Fluss rauscht hinaus. Das Wasser liegt einfach da, eingeschlossen in einer Schüssel aus Vulkangestein, deren Rand sich rund 300 Meter über die Oberfläche erhebt. Dieser See ist kein gewachsenes Gewässer. Er ist die wassergefüllte Narbe einer Katastrophe, die Menschen mit eigenen Augen gesehen haben. Vier Dinge machen ihn aus: ein Berg, der sich selbst verschlang, eine Sage, die in Wahrheit ein Augenzeugenbericht ist, ein Wasser von beinahe unwirklicher Reinheit, und ein Holzstamm, der sich seit über hundert Jahren weigert unterzugehen.
Ein Berg, der sich selbst verschlang

Vor rund 7.700 Jahren stand an dieser Stelle kein See, sondern ein Vulkan. Mount Mazama, gut 3.600 Meter hoch, ein Riese in der Kaskadenkette. Dann brach er aus, und zwar nicht in einem gewöhnlichen Spektakel. Der Berg schleuderte so gewaltige Mengen Asche und Bimsstein in die Luft, dass sich seine eigene Magmakammer leerte. Was zurückblieb, trug das Gewicht des Gipfels nicht mehr. Mazama fiel in sich zusammen.
Übrig blieb eine Caldera, ein riesiger Einsturzkessel, mehrere Kilometer breit. Geologen unterscheiden diesen Vorgang sauber von einem Krater im engeren Sinne: Ein Krater wird herausgesprengt, eine Caldera bricht ein. Der Name Crater Lake ist also streng genommen ein kleiner Etikettenschwindel, aber er ist über 150 Jahre alt und niemand wird ihn mehr ändern.
In den folgenden Jahrhunderten füllte sich der Kessel. Nicht durch Flüsse, sondern allein durch Regen und Schmelzwasser. Tropfen für Tropfen, Winter für Winter, bis ein Gleichgewicht erreicht war zwischen dem, was vom Himmel fiel, und dem, was verdunstete und versickerte. Aus der Wunde eines toten Berges wurde das tiefste Gewässer der Vereinigten Staaten.
Dass dort einmal ein Vulkan stand, ist im Wasser bis heute spürbar. Aus dem Seegrund treten hydrothermale Quellen aus, nachgewiesen 1988 und 1989, als Forscher mit einem Tauchroboter bis auf den Grund vorstießen. Mazama schläft, aber er ist nicht tot.
Llao gegen Skell, oder: als der Himmel den Berg begrub

Das Bemerkenswerteste am Untergang des Mount Mazama ist, dass jemand dabei war. Die Vorfahren der Klamath, das Volk der Makalak, lebten seit Jahrtausenden in der Region. Archäologen haben Sandalen und Werkzeuge unter den Aschelagen der Eruption gefunden, ein stummer Beweis, dass Menschen hier waren, als der Berg fiel.
Diese Menschen erzählten, was sie gesehen hatten. Über Generationen wurde daraus eine Sage. Llao, der Herr der Unterwelt, hauste im Inneren des Berges. Skell, der Herr der oberen Welt, stand auf dem fernen Mount Shasta. Llao verliebte sich in Loha, die Tochter des Häuptlings, und als sie ihn abwies, schwor er, ihr Volk mit Feuer zu vernichten. Die beiden Geister bewarfen einander mit glühenden Felsen, die Erde bebte, Feuer regnete vom Himmel. Zwei Medizinmänner stürzten sich in den Feuerschlund, um ihr Volk zu retten. Skell, von ihrem Mut bewegt, trieb Llao zurück in den Berg und ließ den Gipfel über ihm zusammenstürzen. Dann füllte er das dunkle Loch mit blauem Wasser, damit Frieden einkehre.
Man muss kein Vulkanologe sein, um die Eruption in jeder Zeile dieser Geschichte wiederzuerkennen. Forscher nennen so etwas Geomythologie: ein reales geologisches Ereignis, konserviert im Erzählschatz eines Volkes. Die Sage von Llao und Skell ist damit eine der ältesten überlieferten Augenzeugenschilderungen eines Vulkanausbruchs überhaupt, weitergereicht über fast 8.000 Jahre. Für die Klamath blieb der Ort heilig. Manche weigern sich bis heute, den See überhaupt anzusehen, weil ein alter Glaube sagt, der Blick darauf bringe den Tod.
Das klarste Blau Nordamerikas

Heute ist der Crater Lake vor allem für eines berühmt: sein Wasser. Mit rund 592 Metern, knapp 1.943 Fuß, ist er der tiefste See der USA und zählt zu den tiefsten der Welt. Schon die erste Vermessung 1886 kam dem nahe: Der Geologe Clarence Dutton lotete mit einem Rohr und Klaviersaite eine Tiefe von 608 Metern aus, eine für die damalige Methode verblüffend genaue Schätzung. Das Sonar bestätigte 1959 dann 589 Meter.
Der eigentliche Schatz ist die Klarheit. Weil kein Fluss Sediment oder Nährstoffe einträgt, wächst kaum Algenmasse, die das Wasser trüben könnte. Forscher messen die Sichttiefe mit der Secchi-Scheibe, einer weißen Scheibe, die so lange abgesenkt wird, bis das Auge sie verliert. Am Crater Lake verschwindet sie im Sommer typischerweise erst bei 28 bis 34 Metern. Es ist eines der klarsten Süßgewässer der Erde.
Aus dieser Reinheit folgt die Farbe. Reines, tiefes Wasser schluckt die langen Wellenlängen des Lichts, also Rot, Orange, Gelb und einen Großteil des Grüns. Übrig bleibt das kurzwellige Blau, das zurück an die Oberfläche gestreut wird. Je tiefer und sauberer das Wasser, desto vollständiger dieser Filtereffekt. Das Auge sieht ein leuchtendes Indigo, das der menschlichen Wahrnehmung näher ist als jedem Kamerasensor.
Aus dem Wasser ragt ein zweiter, jüngerer Vulkankegel: Wizard Island, ein Schlackenkegel, der sich nach dem großen Einsturz im Kessel aufbaute und heute 234 Meter aus dem See ragt. Ganz makellos ist die Reinheit übrigens nicht. Lachs und Forelle wurden zwischen 1888 und den 1940er Jahren ausgesetzt, der einzige menschliche Eingriff, den die Wissenschaft dem ansonsten unberührten See ankreidet.
Der Greis, der nicht untergeht

Und dann ist da noch der alte Mann. Seit über hundert Jahren treibt ein Berghemlock-Stamm aufrecht durch den See, das obere Ende rund 1,2 Meter aus dem Wasser ragend, der Rest in die Tiefe weisend. Genannt wird er der Old Man of the Lake. Der Geologe Joseph Diller notierte ihn erstmals 1896, und seitdem ist er ein fester Teil des Inventars.
Ein senkrecht schwimmender Baumstamm sollte es eigentlich nicht geben. Dass er sich überhaupt hält, erklären Forscher mit einem Dochteffekt: Das untere Ende ist über die Jahrzehnte im kalten Wasser vollgesogen und schwer geworden, das obere bleibt trocken und leicht, und so steht der Stamm im Gleichgewicht wie eine Boje. Konserviert hat ihn das eiskalte, reine Wasser ohnehin. Eine Radiokohlenstoff-Datierung ergab, dass der Baum über 450 Jahre alt ist.
Der Old Man bleibt nicht an einem Fleck. 1938 verfolgten der Parknaturforscher John Doerr und Ranger Wayne Kartchner seine Wanderungen drei Monate lang im Auftrag einer behördlichen Untersuchung. Das Ergebnis: 62,1 Meilen in einem einzigen Sommer, an einem Tag bis zu 3,8 Meilen, teils gegen den Wind. Doerr nutzte den Stamm sogar als Messinstrument für die Windströmungen im Kessel.
Um den Greis ranken sich Geschichten. Die bekannteste stammt aus dem Jahr 1988. Als das erwähnte Tauchroboter-Team den Stamm als Hindernis festmachte, zog angeblich prompt ein Sturm auf, im August fiel Schnee, und die Expedition lag still. Erst als man den Old Man wieder freiließ, klarte das Wetter auf. Dazu kommen die üblichen Verdächtigen jedes abgelegenen Ortes: Berichte über Bigfoot, über Lichter am Himmel, über Geisterfeuer auf Wizard Island. Beweise gibt es dafür keine, und der Park führt sie zu Recht unter Lore, nicht unter Fakten. Der Aquatik-Biologe Scott Girdner fasst den Stamm so zusammen: „He has character, a story, and history that is part of the park.”
Was bleibt
Der Crater Lake ist mehrere Dinge zugleich, und das macht ihn so eigentümlich. Er ist das Grab eines Berges, der sich vor 7.700 Jahren selbst auslöschte. Er ist der heilige Ort eines Volkes, das diesen Untergang miterlebt und in einer Sage bewahrt hat, lange bevor die Geologie ein Wort dafür hatte. Er ist ein wissenschaftliches Ausnahmegewässer, dessen Reinheit und Tiefe ihresgleichen suchen. Und er ist eine Bühne für einen Holzstamm, der sich seit Generationen den einfachen Gesetzen der Physik widersetzt.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Klamath ihn für heilig hielten und manche ihn nicht anzusehen wagten. Ein Ort, an dem ein Berg verschwand und ein See aus dem Nichts entstand, lässt sich schwer in eine einzige Schublade sperren. Man steht am Rand, schaut in dieses unmögliche Blau hinab, und versteht für einen Moment, warum hier seit 7.700 Jahren Geschichten erzählt werden.
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