HorrorFantasyKurzgeschichtenRoman Reed

Klänge der Ewigkeit

Wenn Melodien die Grenze zwischen Leben und Tod verwischen

Vergessen und Vergangen · Folge 001

»Musik ist die stärkste Form der Magie.«
Marilyn Manson

14. Oktober 2017, 16:40 Uhr / UTC+2 – Bad Wildungen, Deutschland

Der Staub lag so dick auf der Diele, dass seine Schuhe Abdrücke hinterließen wie in Schnee.

Lukas blieb stehen und sah zurück. Zwei Spuren, quer durch den Flur bis zur Haustür, die er nicht ganz zugezogen hatte. Sonst nichts. Kein Wischen, keine fremden Sohlen, kein Hinweis darauf, dass hier in den letzten Wochen jemand gegangen war.

Das hätte ihn beruhigen sollen. Tat es aber nicht.

Er ging weiter. Die Luft schmeckte nach nassem Papier, süßlich am Gaumen, so wie Bücher riechen, die sich vollgesogen haben und von innen aufgehen. Dazu kalter Putz und etwas Metallisches, das er nicht einordnen konnte. Bei jedem Schritt gaben die Dielen unter dem Teppichläufer nach, nicht viel, aber genug, dass er das Gewicht auf den Fußballen verlagerte, ohne darüber nachzudenken.

Im Treppenhaus stand das Licht schräg durch ein Fenster aus Glasbausteinen, milchig und ohne Richtung. Das Geländer war dünner Rundstahl, in ungleiche Bögen gelegt, keiner wie der vorige. Über der ersten Windung hing die Tapete in einer Fahne bis fast auf die Stufen herunter, rote Blumen auf einem Grund, der einmal hell gewesen war.

Achtzig Euro im Monat. Er hatte den Betrag zweimal gelesen, bevor er verstanden hatte, dass die Anzeige ernst gemeint war. Ein Zimmer in der Wohnung über dem Laden, zwei Straßen weiter, Küche und Bad gemeinschaftlich genutzt.

Er hatte sonst nichts. Die Wohnung in Köln war weg, das Klavier auch, verkauft an einen Mann aus Leverkusen, der es abholte, während Lukas im Treppenhaus stand und so tat, als müsse er telefonieren. Danach zwei Monate ohne einen einzigen Ton. Nicht, weil er nicht gewollt hätte.

Oben roch es anders. Trockener, staubiger, und der süßliche Papiergeruch trat zurück.

Die Tür am Ende des Ganges stand offen.

Er sah den Raum, bevor er ihn betrat: ockerfarbene Streifen an den Wänden, ein lachsfarbener Vorhang mit Volant, der vor einem schmalen Fenster hing und das Licht in den Raum warf wie durch ein gefärbtes Glas. Rechts eine Doppeltür mit Sprossen und Scheiben, dahinter ein Zimmer, dessen Decke offenlag. Balken, Rohre, ein Stück Himmel dort, wo etwas heruntergekommen war.

Und in der Mitte, mit dem Deckel offen auf der Stütze, der Flügel.

Lukas hörte sich einatmen.

Er ging hin, langsam, weil der Boden zwischen ihm und dem Instrument voller Papier lag. Notenblätter. Sie lagen einzeln und in Lagen, manche mit der beschriebenen Seite nach oben, manche vom Wasser zusammengebacken. Er hob eines auf. Handschrift, keine Druckplatte. Die Linien mit dem Lineal gezogen, die Köpfe sauber gesetzt, an einer Stelle ein Takt durchgestrichen und darunter noch einmal geschrieben.

Auf dem Fallbrett stand in Fraktur Grotrian-Steinweg, und rechts daneben, kleiner, der Name eines Händlers aus Kassel. Der Lack war matt und an den Kanten durchgerieben. Über der oberen Oktave hatte jemand mit einem spitzen Gegenstand etwas eingekratzt, das keine Schrift mehr war.

Er wischte nicht ab. Er legte den Zeigefinger auf eine Taste, in den Staub, und drückte sie nieder.

Der Ton kam.

Er kam voll und tief und ohne das Scheppern, das er erwartet hatte, und er stand im Raum, als hätte ihn jemand hingestellt. Lukas spürte ihn in den Fußsohlen durch den Boden, dann in den Rippen. Die Härchen an seinen Unterarmen richteten sich auf.

Dreißig Jahre. Kein Stimmer, keine Heizung, im Winter Frost bis in die Saiten hinein.

Das Instrument war rein.

Er zog die Hand zurück und wartete darauf, dass der Ton verklang, und für einen Moment, als er schon fast weg war, war da noch etwas darunter. Kein zweiter Ton. Eher die Stelle, an der ein zweiter Ton gewesen wäre.

Dann war es still, und die Stille hatte eine Richtung, so wie ein Raum eine Richtung hat, wenn jemand darin steht.


Er kam am nächsten Tag wieder, und am Tag darauf.

Das Zimmer über dem Laden hatte einen Tisch, eine Matratze und ein Fenster zum Hof. Er hielt es dort bis zum späten Vormittag aus. Danach nahm er die Tasche mit dem Notizblock und ging die zwei Straßen hinüber. Anfangs sagte er sich noch, er wolle nur nachsehen, ob die Tür offen stand. Irgendwann ließ er das.

Der Flügel hielt die Stimmung. Das war die zweite Unmöglichkeit, und sie ließ sich schlechter wegschieben als die erste, weil er sie jeden Tag überprüfen konnte. Er schlug eine Oktave an, hörte hin und fand nichts. Kein Schweben, kein Absacken in den Bässen.

Am dritten Tag hob er den Deckel ganz und sah hinein. Der Stimmstock ist das Erste, was in einem kalten Haus aufgibt: das Holz arbeitet über die Winter, die Wirbel sitzen lockerer, und irgendwann hält keiner mehr, was man ihm aufzwingt. Er drehte einen mit dem Daumen an. Er saß, als hätte ihn jemand gestern nachgezogen.

Daneben, in die Gussplatte geschlagen, stand eine Nummer. Er schrieb sie ab und suchte sie am selben Abend im Zimmer über dem Laden, und was dabei herauskam, war ein Baujahr, und es lag weit vor allem anderen in diesem Haus.

Am vierten Tag schrieb er die ersten sechzehn Takte auf.

Es ging leicht. Es ging so leicht, dass er zwischendurch die Hände in den Schoß legte und wartete, ob es aufhörte. Draußen wurde es früh dunkel, im Zimmer stand der Vorhang still, und der Bleistift lief weiter, als führe ihn jemand.

Am fünften Tag lagen die Notenblätter anders.

Er hätte es nicht bemerkt, wenn er nicht am Abend zuvor eines aufgehoben und auf den Hocker gelegt hätte, um es beim nächsten Mal genauer anzusehen. Das Blatt lag jetzt auf dem Boden, an derselben Stelle, an der es vorher gelegen hatte, mit derselben Ecke unter dem rechten Vorderbein.

Der Staub darauf war unberührt.

Er stand lange da. Dann sah er auf seine eigenen Abdrücke, die vom Türrahmen bis zum Hocker liefen und sonst nirgendwohin, und darauf, dass um den Flügel herum eine Fläche war, auf der überhaupt kein Staub lag. Nicht gewischt. Einfach kein Staub, so wie an einer Stelle, an der ständig jemand steht.

An dem Abend blieb er, bis es dunkel wurde. Er spielte die sechzehn Takte, die er hatte, und danach kam nichts, so wie seit dem vierten Tag. Dann ließ er die alten Blätter liegen, wo sie lagen, zog die Haustür hinter sich zu und ging die Straße hinunter.

Er war schon fast an der Ecke, als hinter ihm im ersten Stock etwas anfing. Leise, gedämpft durch zwei Wände und ein geschlossenes Fenster, aber ein Instrument, kein Wind. Er kannte die Folge. Es waren seine eigenen sechzehn Takte, und sie brachen an derselben Stelle ab, an der auch er vorhin abgebrochen war.

Dann setzten sie neu an und gingen weiter.


Am elften Tag blieb er über Nacht.

Er nahm eine Decke mit, eine Thermoskanne und die Taschenlampe aus dem Auto, das er noch nicht verkauft hatte. Gegen zehn saß er auf dem Hocker, den Rücken zum Flügel, und sah zu, wie das letzte Licht aus dem lachsfarbenen Vorhang ging. Der Raum wurde nicht dunkel, sondern grau, und dann wurde das Grau körnig.

Um kurz nach halb zwölf hörte das Haus auf zu knacken.

Das fiel ihm auf, weil es vorher die ganze Zeit geknackt hatte, Balken, Putz, irgendwo ein Tropfen. Jetzt nicht mehr. Er hörte sein eigenes Blut in den Ohren und das Blatt Papier, das er zwischen den Fingern drehte, und sonst nichts.

Die Kälte kam nicht durch die Tür. Sie kam aus dem Boden, durch die Sohlen und die Waden hoch, und als sie die Kniekehlen erreichte, drehte er sich um.

Die Tasten bewegten sich.

Nicht alle, nicht wahllos. Eine, dann zwei, sauber angeschlagen und gehalten, mit einem Gewicht dahinter, das Fingern gehört. Der Ton stand im Raum, und die Taste ging nach oben zurück, so langsam, wie sie zurückgeht, wenn jemand sie loslässt, und nicht, wenn sie springt.

Lukas stand auf und stieß den Hocker um.

Der Schlag hallte, und im selben Moment war das Licht anders. Es kam von rechts, wo es kein Fenster gab, und es war blau. Nicht das Blau von Mondlicht auf Schnee. Ein kaltes, körniges Leuchten, das keinen Ursprung hatte und trotzdem Schatten warf, und die Schatten liefen in die falsche Richtung.

Sie stand am Kopfende des Flügels.

Er sah zuerst das Haar. Es war schwarz und ging ihr bis über die Hüfte, in schweren Wellen, und einzelne Strähnen leuchteten von innen, als läge in jeder ein Faden aus Licht. Das Kleid war weiß und lag eng am Oberkörper, ein hoher Kragen aus Spitze bis unter das Kinn, geschlossen mit einer runden Brosche, in deren Mitte ein blauer Stein saß. Von der Schulter fiel Spitze in Lagen bis auf den Boden, und wo sie den Boden berührte, hob sich kein Staub.

Ihre Haut war blaugrau, und sie leuchtete.

Dann sah er die Augen.

Sie hatten keine Pupillen. Sie hatten keine Iris. Sie waren vollständig weiß und lagen in Höhlen, die dunkel umschattet waren, als sei das Fleisch darum herum eingesunken, und sie standen offen, ohne zu blinzeln, und sie sahen an ihm vorbei.

Das war das Schlimmste. Nicht dass sie ihn ansah. Dass sie es nicht tat.

Lukas wollte etwas sagen und stellte fest, dass sein Kiefer nicht aufging. Nicht verkrampft, nicht zugebissen. Der Befehl kam an und wurde nicht ausgeführt, so wie im Traum, und er hörte den Laut, den er stattdessen machte, ein Ziehen durch die Nase, und er hörte, dass es das Geräusch eines Tieres war.

Er wich zurück, mit dem Rücken zuerst, und trat auf die Notenblätter, und das Papier riss unter seiner Sohle mit einem Geräusch, das viel zu laut war.

Ihr Kopf drehte sich dorthin.

Zu schnell. Der Kopf war schon dort, als die Bewegung noch lief, so wie ein Bild, dem Zwischenbilder fehlen. Und dann tat er es noch einmal, in die andere Richtung, und wieder, viermal hin und her in weniger als einer Sekunde, mit dem Haar, das jedes Mal um einen Schlag zu spät nachkam.

Es hörte auf. Sie stand still.

Seine Blase zog sich zusammen. Er hatte nicht gewusst, dass das wirklich passiert.

Der Geruch kam erst jetzt. Er kam nicht von ihr, er kam aus dem ganzen Raum auf einmal, kalt und mineralisch, so wie es in einem Keller riecht, in dem Wasser steht, und darunter etwas Süßliches, das er aus der Bibliothek kannte und das hier nichts zu suchen hatte.

Sie war näher.

Er hatte nicht gesehen, wie sie sich bewegt hatte. Zwischen zwei Lidschlägen lagen anderthalb Meter, und ihre Füße standen unter dem Saum, den Saum hatte er die ganze Zeit im Blick gehabt, und der Saum hatte sich nicht bewegt.

Aus dieser Entfernung sah er, dass die Spitze am Kragen nicht auf ihr lag, sondern in ihr. Der Stoff hatte keine Schatten. Das Licht ging hindurch, wo es aufliegen musste, und an einer Stelle unter dem Schlüsselbein sah er durch das Kleid und durch sie hindurch das Muster der Tapete, ockerfarben und gestreift, und es war nicht verzerrt.

Sie hob eine Hand.

Er sah, dass die Finger zu lang aussahen, weil sie zu dünn waren, und dass die Fingerkuppen nicht flach auf etwas zugingen, sondern gespreizt, und irgendetwas in ihm, das nichts mit Denken zu tun hatte, las das als Greifen.

Sein Kiefer ging auf. Der Schrei kam nicht.

Er rannte.

Auf der Treppe verlor er den Halt.

Er griff nach dem Rundstahl, und der Rundstahl gab nach, weil dreißig Jahre Feuchtigkeit an der Verankerung gearbeitet hatten, und dann kam die Wand, dann die Kante der vierten Stufe unter dem Brustkorb. Die Luft ging raus. Er lag quer im Treppenhaus, mit dem Gesicht auf dem Teppichläufer, und roch nassen Staub und schmeckte Blut, weil er sich beim Aufschlag in die Zunge gebissen hatte.

Über ihm war es still.

Nicht ruhig. Still auf die Art, wie es im Zimmer still gewesen war, als das Haus aufgehört hatte zu knacken, und die Stille kam die Treppe herunter, Stufe für Stufe, so wie sich Kälte durch einen Raum bewegt.

Er kam auf die Knie und dann auf die Füße und schaffte den Rest ohne Geländer, mit der Schulter an der Wand. Im Erdgeschoss lief er gegen den Türrahmen, drehte sich halb, riss die Haustür auf und war draußen in der nassen Luft, und er lief die Straße hinunter und drehte sich nicht um.

Er lief vier Straßen weit. Am Ende musste er sich an einen Zaun hängen und würgen, und es kam nichts, weil seit dem Mittag nichts drin war.

Hinter ihm, im ersten Stock, ging das Licht in den Fenstern an und wieder aus, blau, zweimal, wie zwei Atemzüge.

Und dann spielte der Flügel weiter.


Vier Tage lang ging er nicht hin.

Er schlief mit Licht. Er kaufte im Laden unter der Wohnung ein und redete mit der Frau an der Kasse über das Wetter, nur um eine Stimme zu hören, die zu einem Körper gehörte. Zweimal packte er die Tasche, um nach Köln zu fahren, und beide Male fiel ihm ein, dass es dort nichts gab, wohin er fahren konnte.

Am zweiten Tag hatte er die Erklärung fertig.

Kohlenmonoxid. Ein undichter Zug, ein verstopfter Kamin, ein Haus, in dem seit dreißig Jahren niemand etwas gewartet hatte. Es stand alles im Netz, und es passte auf jedes Einzelne: Kälte, die von unten kommt. Farbige Lichterscheinungen. Gestalten am Rand des Blickfelds. Panik ohne Anlass. Er las es zweimal durch und legte das Handy weg und atmete zum ersten Mal seit zwei Tagen ruhig.

Die Erklärung hielt, bis er zurückging.

Die Takte blieben.

Sie liefen morgens beim Zähneputzen, sie liefen abends, wenn er die Augen zumachte, und sie liefen an der Stelle weiter, an der er in der Nacht abgebrochen hatte. Am dritten Tag setzte er sich hin und schrieb sie auf, und was da aus dem Bleistift kam, war besser als alles, was er in Köln in zwei Jahren zustande gebracht hatte.

Am fünften Tag ging er zurück, bei Tageslicht, und nahm die Taschenlampe.

Er sagte sich, dass er das Haus verstehen wollte. Er sah in die Zimmer, in die er vorher nicht gesehen hatte, und was er fand, machte es nicht besser.

Im Erdgeschoss, links vom Eingang, standen Regale bis unter die Decke, und die unteren Reihen waren aufgequollen und zusammengewachsen. Ein grüner Ohrensessel stand davor, so ausgerichtet, dass jemand darin gesessen und aus dem Fenster gesehen hätte. Der Geruch nach nassem Papier kam von hier.

Am Ende desselben Flurs war eine Tür mit einer Scheibe aus Milchglas.

Dahinter hörte der Teppich auf und Fliesen fingen an, und die Temperatur fiel so deutlich, dass er es an den Handrücken merkte. Ein Fenster nach Norden, vergittert von außen. In der Mitte des Raums stand ein Stuhl.

Kein Behandlungstisch. Ein Stuhl, mit zwei Stützen für die Beine, die nach außen abgewinkelt waren, und darunter, in einer Halterung, ein emailliertes Becken. Über dem Stuhl hing eine Leuchte mit vier Schirmen an einem Gelenkarm, und der Arm war nach unten gefahren, als habe ihn jemand über einen Körper gezogen und nicht wieder hochgeschoben.

Lukas legte die Hand auf die Sitzfläche. Das Kunstleder gab keinen Millimeter nach. Es war hart und kalt und roch, als er sich vorbeugte, nach altem Gummi.

Auf dem Boden lagen Akten. Nicht ein paar. Der ganze Raum lag voll, Karteikarten, Formulare, Rezepte, und dazwischen Fotografien, auf denen Menschen aus einer Zeit standen, in der man für ein Foto stillhielt. Manche lagen mit der Schrift nach oben. Oben ein Name, darunter ein Datum, weiter unten Zeilen in einer Hand, die niemand mehr las. Er hob keine auf. Er stellte fest, dass er das nicht wollte, und war darüber erleichtert.

An der Tür hob er den Fuß. Eine Karte hatte sich unter der Sohle festgesetzt, dort wo das Papier feucht gewesen war. Er zog sie ab, und weil man liest, was man in der Hand hält, las er sie.

Sie war älter als das meiste in diesem Raum. Dickeres Papier, gelber, die Schrift schmal und nach rechts gekippt. Oben ein Vorname und ein Nachname, von dem der Wasserrand nur den ersten Buchstaben übrig gelassen hatte. Darunter stand ein Datum, und er las es zweimal. 1913. Es passte nicht zu der Leuchte über dem Stuhl und zu sonst nichts hier unten.

Anna, stand da.

Er legte die Karte auf die Sitzfläche des Stuhls, mit der beschriebenen Seite nach unten, und wischte die Hand an der Hose ab. Erst auf dem Flur fiel ihm ein, wohin er sie gelegt hatte.

Eine Etage höher stand der Flügel. Bis eben hatte in diesem Haus niemand einen Namen gehabt.

Er ging hinauf und an der Diele vorbei, in der die Fensterläden offen standen, und weiter bis unters Dach.

Dort lag das Schlafzimmer. Er machte zwei Schritte hinein und blieb stehen, weil der Boden nachgab, und dann sah er, dass es kein Teppich war. Es waren Federn. Sie lagen flächendeckend, in den Ecken bis über die Knöchel, und sie stiegen bei jedem Schritt auf und blieben in der Luft stehen. Über dem Bett hing ein Baldachin aus Stoff, an dem jemand mit Spraydose ein Herz und zwei Buchstaben hinterlassen hatte. Die Matratzen waren aufgeschlitzt. Nicht aufgeplatzt. Geschnitten, in geraden Linien, von jemandem, der sich Zeit genommen hatte.

Er ging zurück in den ersten Stock, in das ockerfarbene Zimmer, und dort lagen die Notenblätter nicht mehr so, wie er sie verlassen hatte.

Sie lagen in einer Reihe.

Sieben Blätter, vom Fenster bis zum Hocker, mit gleichem Abstand, alle mit der beschriebenen Seite nach oben. Der Staub dazwischen war unberührt. Es gab keine Schleifspur, keinen Abdruck, nichts, was zeigte, wie sie dorthin gekommen waren.

Etwas in ihm las das sofort, und es las es falsch.

Er sah eine Linie, die auf ihn zulief. Er sah sieben Schritte, die jemand gemacht hatte, und den letzten davon unter seinem Sitzplatz. Er hörte sich atmen, viel zu schnell, und dann trat er in die Reihe hinein und schob die Blätter mit dem Fuß auseinander, eines nach dem anderen, bis keine Ordnung mehr da war.

»Ich mach das nicht«, sagte er in den leeren Raum. »Ich mach das nicht mit.«

Das Licht wurde blau.

Es kam wieder von rechts, ohne Quelle, und diesmal wartete er nicht ab. Er nahm den Hocker am Bein und hob ihn, mit beiden Händen, über die Schulter.

Sie stand zwei Meter vor ihm.

Er schlug zu.

Er tat es mit allem, was er hatte, mit der ganzen Drehung aus der Hüfte, und der Hocker ging durch ihren Oberkörper hindurch und riss Lukas mit, weil nichts da war, was ihn aufgehalten hätte. Die Wucht drehte Lukas um die eigene Achse. Der Hocker schlug gegen den Flügel, das Holz splitterte an der Kante, und im Instrument ging ein Akkord an, den niemand gespielt hatte, tief und lang.

Dort, wo der Schlag durchgegangen war, zog sich etwas an ihr auseinander wie Rauch über Wasser und lief wieder zusammen.

Sie hatte sich nicht bewegt.

Lukas stand mit dem Rücken zum Fenster, hielt den Hocker vor sich wie ein Ding, das plötzlich nichts mehr war, und begriff in dieser Sekunde etwas, das ihm den Boden wegzog: Es gab nichts, was er tun konnte. Nicht schlagen. Nicht wegrennen, das hatte er versucht, und sie war beim nächsten Mal wieder da gewesen. Es gab keine Tür, die zwischen ihn und das hier passte.

Er hörte sich atmen und konnte nicht aufhören damit.

Aus dieser Nähe sah er, dass die Spitze am Kragen ein Blütenmuster hatte, dass eine zweite Brosche tiefer am Mieder saß und denselben blauen Stein trug, und dass das Kleid nicht durchsichtig war. Es war da. Es hatte Falten, in denen sich Schatten sammelte. Was durchsichtig war, war sie.

Sie sah wieder nicht ihn an. Sie sah auf den Boden, auf die auseinandergeschobenen Blätter.

Und dann kippte etwas in ihrem Gesicht.

Die Brauen gingen zusammen, die Mundwinkel fielen, und die Unterlippe zog sich nach innen, ganz kurz, so wie bei jemandem, der etwas geschenkt hat und zusieht, wie es fallen gelassen wird. Dann lief ein Ruck von den Schultern in die Hände, und die Finger standen gespreizt in der Luft, so wie damals, als er das für ein Greifen gehalten hatte. Danach hingen sie wieder herunter, als hätte sie es selbst nicht bemerkt. Es dauerte keine Sekunde, beides zusammen. Die erste Bewegung an ihr sah nicht falsch aus. Die zweite tat es wieder.

Der Hocker wurde schwer in Lukas’ Händen.

Sie ging in die Knie.

Nicht auf ihn zu. Neben die Blätter, mit dem Rücken zu ihm, und begann sie einzusammeln. Sie fasste sie nicht an. Sie hielt die Hand darüber, und das Blatt kam hoch, und sie legte es zurück an seinen Platz in der Reihe, eins nach dem anderen, in derselben Reihenfolge wie vorher.

Beim vierten Blatt sah Lukas, was darauf stand.

Es war seine Handschrift.

Es waren seine sechzehn Takte, die er am vierten Tag geschrieben und danach in die Tasche gesteckt hatte, und darunter standen weitere achtzehn in einer Schrift, die schmaler war und die Notenköpfe schräger setzte, und die Stelle, an der sein Bleistift abgebrochen war, lag genau dort, wo die andere Hand angesetzt hatte.

Es ging weiter, wo er aufgehört hatte. Nicht daneben, nicht darunter. Weiter.

Er stellte den Hocker ab.

Sie hielt inne, den Kopf halb gedreht, und wartete, ob er wieder danach greifen würde.

Er ließ ihn los.

Sie legte das siebte Blatt an seinen Platz, richtete die Kante mit zwei Fingern, ohne sie zu berühren, und stand auf.

Dann hob sie die Hand, langsam diesmal, so langsam, dass er sehen konnte, wie sie es tat, und legte die Fingerspitzen an seine Wange.

Er spürte keine Haut. Er spürte Kälte, aber es war nicht die Kälte des Raums, sondern etwas, das eine Richtung hatte, und es lief von der Wange über den Kiefer den Hals hinunter. Sein Puls schlug in der Kehle dagegen.

Sie ließ die Hand dort, drei Atemzüge lang.

Und dann sah sie ihn an. Zum ersten Mal nicht daneben, sondern in die Augen, mit weißen Augen ohne Pupille, und er hatte nicht die geringste Vorstellung, wie das gehen sollte, und wusste trotzdem, dass sie es tat.

Er ging, als es hell wurde. Unten an der Haustür merkte er, dass seine Hände zitterten, und er blieb stehen und wartete, bis es aufhörte. Es hörte auf. Dann dachte er an den Hocker, den er hochgerissen hatte, und es fing wieder an. Er wusste, dass er am Abend wiederkommen würde, und ging los, bevor er zu Ende denken konnte.


So fingen die Nächte an.

Er kam abends, wenn es dunkel wurde, und ging, wenn es hell wurde. Er brachte Kerzen mit, weil die Taschenlampe alles flach machte, und einen Klapphocker, weil er ihren nicht mehr benutzen wollte. Sie war schon da, jedes Mal, und jedes Mal merkte er es daran, dass das Haus aufhörte zu knacken.

Sie sprach nicht.

Er versuchte es in der zweiten Nacht, mit einer Frage, die er dreimal ansetzte, bevor sie herauskam. Sie stand am Fenster, den Kopf leicht geneigt, und wartete, bis er fertig war. Dann sah sie ihn an und tat nichts weiter, und er verstand, dass es nicht am Willen lag. Es war nichts da, womit sie es hätte tun können.

Also legten sie Papier zwischen sich.

Er schrieb einen Takt, schob das Blatt über das Notenpult, und sie sah darauf. Wenn es stimmte, kam ihr Kinn nach unten, ein Nicken, das kaum eines war. Wenn es nicht stimmte, blieb sie unbewegt, und er strich durch und schrieb neu, und irgendwann verstand er auch das Schweigen: Es war kein Urteil, sondern die Aufforderung, es noch einmal zu versuchen.

Ihre Korrekturen kamen ohne Bleistift. Sie hielt die Hand über das Blatt, und die Note stand da, schmal und schräg, mit Köpfen, die nach rechts kippten.

In der dritten Nacht widersprach er ihr zum ersten Mal.

Sie hatte drei Takte umgeschrieben, die er für gut gehalten hatte, und was daraus wurde, ging in eine Richtung, die er nicht hören wollte. Er strich es durch. Er schrieb seine eigene Fassung darunter, schob das Blatt hinüber und sah sie an, wie man jemanden ansieht, von dem man eine Antwort will.

Sie las es. Dann hob sie die Hand, und die Note verschwand nicht, sondern wanderte. Sie nahm seinen Takt, ließ die erste Hälfte stehen und drehte die zweite um, und was dabei herauskam, war weder das, was er geschrieben hatte, noch das, was sie geschrieben hatte.

Es war besser.

Er las es zweimal und spürte etwas, das er zuletzt in Köln gespürt hatte, in einem Raum mit anderen Leuten, als ihm jemand gezeigt hatte, wie es geht. Er wollte widersprechen und fand nichts, wogegen.

Er nickte. Sie nahm die Hand vom Blatt.

Danach schrieb er anders. Er ließ Stellen offen, wo er vorher zugemacht hätte, und wartete, ob sie hineingriff. Manchmal tat sie es. Manchmal nicht, und dann wusste er, dass er es allein zu Ende bringen sollte.

In der vierten Nacht spielte sie zum ersten Mal vor ihm.

Sie setzte sich nicht. Sie stand am Kopfende, die Hände über den Tasten, und die Tasten gingen nieder, ohne dass ihre Finger sie erreichten. Was daraus kam, war nichts, was Lukas kannte, und es war auch nichts, was er gekonnt hätte. Es fing tief an, in der linken Hand allein, eine Figur aus fünf Tönen, die sich wiederholte und beim dritten Mal einen davon anders setzte. Dann kam die rechte dazu. Es lief in einer Tonart, die sich nicht entscheiden wollte, und immer, wenn er glaubte, sie sei angekommen, ging es noch eine Stufe weiter, und dann noch eine.

Er saß auf dem Klapphocker und hielt die Hände zwischen den Knien und merkte irgendwann, dass er weinte, ohne dass sich sein Gesicht verzogen hätte. Es lief einfach.

Als sie aufhörte, sah sie ihn an, und diesmal ging ihr Mundwinkel nach oben. Nur der eine, nur einen Moment.

Er spielte es nach.

Die ersten vierzig Takte kosteten ihn drei Nächte, und die Stelle, an der es hakte, war immer dieselbe: ein Sprung in der linken Hand, über eine Oktave hinweg, mitten in einer Phrase, die keine Luft dafür ließ.

Beim ersten Mal spielte er darüber hinweg und machte weiter. Er kam vier Takte weit, dann stand ihre Hand über den Tasten, und der Ton brach ab, als hätte jemand ein Fenster zugemacht.

Er sah hoch. Sie sah auf seine linke Hand.

Also von vorn.

Beim dritten Mal gingen ihm die Schultern hoch, und er schlug härter an als nötig. Er dachte, dass er einmal jemand gewesen war, dem das niemand mehr sagen musste. Er spielte die Stelle absichtlich sauber und den Rest schludrig, um zu sehen, was passierte.

Sie ließ ihn bis zum Ende laufen. Dann hob sie die Hand und ließ ihn wieder von vorn anfangen.

Beim vierten Mal legte sie ihre Hand über seine, ohne Gewicht, und führte sie die Strecke entlang, die sie meinte. Der Sprung war nicht kleiner geworden. Sie nahm ihn nur früher, einen halben Schlag vor der Stelle, an der er ihn genommen hatte, und dann lag die Hand da, wo sie liegen musste, und die Phrase hatte Luft.

Er machte es nach. Es ging.

Er brauchte einen Moment, bis er merkte, dass er lachte, und noch einen, bis ihm auffiel, dass es das erste Mal seit Köln war.

Das Haus veränderte sich mit. Er hätte nicht sagen können, wann es angefangen hatte. In der achten Nacht stand ein Fensterladen offen, den er nie hatte öffnen sehen, und das Mondlicht lag als Rechteck auf dem Boden, mitten in einem Zimmer, das seit dreißig Jahren zu gewesen war. Als er am Morgen auf die Straße trat, blendete ihn das Tageslicht so, dass er stehen bleiben und die Augen zumachen musste.

In der zehnten roch es im Treppenhaus nicht mehr nach nassem Papier, sondern nach kaltem Stein und ein wenig nach Bienenwachs. Am selben Morgen schmeckte der Kaffee im Zimmer über dem Laden nach nichts, und er trank ihn trotzdem aus.

Die Tapetenfahne über der ersten Windung hing noch. An ihr änderte sich nichts. Er sah trotzdem jedes Mal hin.


Unten in der Stadt bemerkten sie es um dieselbe Zeit.

Erst standen zwei Frauen mit dem Hund an der Ecke und sahen hoch. Dann waren es mehr. Sie kamen abends, blieben auf dem Gehweg stehen und gingen nach einer Weile weiter, und niemand klingelte, und niemand rief die Polizei.

Die Frau aus dem Laden legte ihm das Wechselgeld hin und ließ die Hand darauf liegen. Sie war Ende fünfzig und trug die Brille an einer Kette. Die Nägel an beiden Händen waren so kurz geschnitten, dass man die Kuppen darüber stehen sah.

»Meine Großmutter hat da Stunden gehabt«, sagte sie. »Im Ersten Weltkrieg. Sie war neun.«

Lukas wartete.

»Zweimal die Woche, hoch in den ersten Stock. Sie hat nie erzählt, bei wem.« Die Frau nahm die Hand vom Geld. »Danach hat sie nie wieder gespielt. Wir hatten ein Klavier im Flur stehen, als ich klein war, und sie ist jedes Mal drum herum gegangen.«

»Hat sie gesagt, warum?«

»Nein.« Sie sah an ihm vorbei zur Tür. »Sie hat gesagt, es ist ein schönes Haus.«

Sie fragte nichts. Sie stellte es nur hin, so wie sie das Wechselgeld hingestellt hatte, und dann kam der Nächste, und Lukas ging.

Draußen blieb er stehen und sah die Straße hinunter, dorthin, wo abends die Leute standen. Es waren jetzt immer welche da. Sie sahen hoch, und sie gingen wieder, und keiner von ihnen war je die Treppe hochgekommen.

Ein alter Mann sprach ihn an und fragte, ob er das sei, da oben.

»Teilweise«, sagte Lukas.

Der Mann nickte, als sei das eine normale Antwort, und ging weiter.

Manche behaupteten später, sie hätten in den Melodien Stimmen gehört. Lukas hörte keine Stimmen. Er hörte, dass die Musik jeden Abend an einer Stelle weiterging, an der sie am Abend zuvor gewesen war, und dass sie sich einem Ende näherte, und er hörte, dass es ein Ende gab, auf das alles zulief, seit dem ersten Ton, den er im Staub angeschlagen hatte.

Was er nicht hörte, war die Treppe.

Von der zehnten Nacht an brauchte er auf dem Rückweg dreimal so lange wie am ersten Abend. Er blieb auf dem Absatz stehen, mit einer Hand am Rundstahl, und redete sich ein, es liege am Schlaf. Er schlief tagsüber, vier oder fünf Stunden, und wachte auf, als hätte er nicht gelegen.

Das Zimmer über dem Laden war morgens am schlimmsten. Es roch nach Hof und kaltem Fett aus der Küche unten, das Fenster im geteilten Bad ging nach Norden, und das Licht darin war so, dass jeder aussah wie nach einer Nachtschicht. Er sagte sich das jedes Mal, wenn er beim Rasieren in den Spiegel sah.

An diesem Morgen sagte er es sich zweimal.

Das Gesicht darin war zweiunddreißig und sah älter aus. Die Wangen lagen schmaler als in Köln, die Schläfen eingefallen, und über dem Kiefer stand ein Bart von vier Tagen, der stellenweise grau kam, was er vorher nicht gewusst hatte. Das Haar hing ihm in die Stirn, dunkel und zu lang, seit Köln hatte es niemand mehr geschnitten. Die Augen lagen tiefer. Die Unterlippe war an einer Stelle aufgesprungen und blutete, wenn er den Mund zu weit aufmachte.

Er trank zwei Gläser Wasser aus dem Hahn, eines nach dem anderen, und hatte danach immer noch Durst. Dann beugte er sich näher heran, und der Spiegel war wirklich schlecht, das stimmte, aber er war nicht so schlecht.

Beim Anziehen ging der Gürtel ein Loch weiter zu als sonst. Es war der braune, den er sich in Köln für einen Auftritt gekauft hatte, und das Leder trug an der alten Stelle eine Kerbe, die sich nicht wegdrücken ließ. Er zog ihn fest, sah darauf und ließ das Hemd darüber fallen. Er hatte nie viel auf den Rippen gehabt. Aber das Hemd hatte in Köln nicht so an den Schultern gehangen, mit dem Kragen, der jetzt Platz hatte.

Dann nahm er die Tasche und die Blätter und ging.

Seine Hände sah er die ganze Zeit. Vier Stunden am Stück lagen sie vor ihm auf den Tasten, im Kerzenlicht, näher an seinen Augen als alles andere in seinem Leben. Ein paar Nächte später fiel ihm auf, dass die Sehnen auf den Handrücken deutlicher standen als früher und dass die Adern darüber lagen wie bei einem alten Mann. Er kniff die Haut über einem Knöchel hoch. Sie brauchte zu lange, bis sie wieder flach lag.

Er drehte die linke Hand um und sah sie an.

Dann drehte er sie zurück, weil im nächsten System eine Passage kam, die er noch nicht sicher hatte.


Anna wurde deutlicher.

Er nannte sie so seit der Karte unter seiner Sohle. Ob der Name ihr gehörte, hatte er nie geprüft.

Er sah Dinge an ihr, die vorher nicht dagewesen waren. In der zwölften Nacht warf sie einen Schatten.

In der dreizehnten Nacht wollte er es lassen.

Er hatte es am Nachmittag entschieden, im Zimmer über dem Laden, mit dem Gürtel in der Hand. Um neun saß er auf der Matratze und hörte die Frau unten die Rollläden herunterlassen. Um halb elf war es still im Haus, und in der Stille fing es in seinem Kopf wieder an, die achtzehn Takte in der schmalen Schrift, und sie brachen ab, wo sie immer abbrachen. Er legte sich hin und stand wieder auf. Er machte das Licht aus und wieder an.

Um Viertel nach zwölf zog er die Schuhe an.

Die zwei Straßen waren nass. Vor dem Haus stand niemand. Im ersten Stock war es dunkel, und er blieb am Zaun stehen und wartete darauf, dass es hell wurde, blau, so wie es immer hell wurde. Es wurde nicht hell. Er stand da, bis die Nässe durch die Schuhe kam, dann ging er hinein und die Treppe hoch, und oben stand die Tür offen wie an jedem Abend, und der Raum war leer.

Er setzte sich an den Flügel und spielte den Anfang, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Mitten im zweiten System merkte er, dass er zu schnell spielte. Er hörte auf und legte die Hände in den Schoß.

Sie kam nicht.

Er blieb bis vier.

In der vierzehnten Nacht war sie da, bevor er die Kerze angezündet hatte.

Er hörte sie zuerst. Ein Schleifen von Stoff auf Dielen, hinter ihm, in Höhe des Fensters, und er drehte sich um und lachte, weil ihn zum ersten Mal ein Geräusch von ihr nicht erschreckt hatte. Sie hatte den Kopf schief gelegt, und der Saum lag auf dem Boden, wo er in den Nächten davor eine Handbreit darüber gestanden hatte.

Er sagte nichts über den Abend davor. Sie fragte nicht, sie konnte es nicht, und sie sah ihn auch nicht so an. Sie ging zum Notenpult und hielt die Hand darüber. Unter den achtzehn Takten war das Papier leer.

In der fünfzehnten Nacht wollte er früher gehen.

Er hatte den ganzen Tag nicht geschlafen, und irgendwann gegen zwei stand er auf und sagte, dass er morgen wiederkomme. Er sagte es in den Raum hinein, so wie er alles in den Raum hinein sagte, und dann nahm er die Blätter zusammen und drehte sich zur Tür.

Die Tür war zu.

Er hatte sie offen stehen lassen, wie jedes Mal, weil das Schloss klemmte und er nicht ausgesperrt sein wollte. Jetzt war sie zu, und als er die Klinke herunterdrückte, ging sie nicht.

Hinter ihm hörte das Haus auf zu knacken.

Er drehte sich nicht sofort um. Er stand mit der Hand an der Klinke und spürte, wie die Kälte aus dem Boden kam, durch die Sohlen und die Waden hoch, und sein Körper wusste schneller als er, was das bedeutete.

Als er sich umdrehte, stand sie am Kopfende des Flügels, dort wo sie in der ersten Nacht gestanden hatte, und das Licht im Raum war blau.

Sie sah an ihm vorbei.

»Ich komm doch wieder«, sagte er, und seine Stimme kam zu hoch heraus.

Sie legte eine Hand auf die Tasten, ohne hinzusehen, und was kam, war die Stelle aus der Mitte, für die er drei Nächte gebraucht hatte. Sie spielte vier Takte und hörte auf.

Dann wartete sie.

Er stand noch eine Weile an der Tür. Dann ging er zurück, setzte sich und legte die Hände auf die Tasten, und um vier, als er zum zweiten Mal aufstand, war die Tür offen und das Licht im Raum wieder so, wie es die ganze Nacht gewesen war.

Auf der Treppe blieb er zweimal stehen. Er sagte sich, dass sie ihn nicht verstanden hatte.

In der sechzehnten Nacht setzte sie sich auf den Hocker.

Sie saß. Das Polster gab unter ihr nach, so wie es unter einem Menschen nachgibt, und sie legte die Hände auf die Tasten und drückte sie mit den Fingern nieder, und Lukas stand hinter ihr und sah, dass ihr Haar über eine Schulter nach vorn gefallen war und den Nacken freigab, den hohen Kragen und die feinen dunklen Haare darüber, und dachte an nichts.

Im zweiten Takt saß ein Ton daneben.

Nicht viel. Einen halben Schritt, an einer Stelle, an der sie hundertmal richtig gewesen war. Sie hielt nicht an. Sie spielte darüber hinweg, und Lukas hörte, dass sie es gehört hatte, weil die Hand danach eine Spur zu vorsichtig lag.

Er sagte nichts. Er dachte, es liege an den Fingern, an der Umstellung. Dann kam der nächste Einsatz, und er hörte weiter zu.

Sie drehte den Kopf, ohne aufzuhören zu spielen, und sah ihn an.

Er legte die Hand auf ihre Schulter.

Es war die erste Berührung, die von ihm ausging. Er spürte den Stoff. Er spürte ihn wirklich, das raue Muster der Spitze unter den Fingerkuppen, und darunter etwas, das nachgab, und die Kälte, die inzwischen weniger war als in den Nächten davor.

Sie hörte auf zu spielen. Sie legte den Kopf so weit zur Seite, dass ihre Wange seinen Handrücken berührte, und blieb so.


In der Nacht darauf arbeiteten sie nicht.

Er hatte die Blätter mitgebracht und den Bleistift und alles hingelegt, und dann saß er da und tat es nicht. Sie stand am Fenster, wo sie immer stand, und irgendwann drehte sie sich um und sah ihn an, und er zuckte die Schultern.

Sie kam herüber und setzte sich neben ihn auf den Boden.

So saßen sie. Der Rücken gegen die Wand unter dem Fenster, die Kerze auf dem Notenpult, und draußen ging der Regen an und wieder aus. Sie sah geradeaus, auf den Türrahmen gegenüber, und er sah sie von der Seite an, so lange, wie man einen Menschen nicht ansieht, weil es unhöflich wäre, und sie ließ es zu.

Ihr Profil hatte eine Linie von der Stirn über die Nase zum Kinn, die er sich hätte merken können, wenn es darauf angekommen wäre. Der Kragen ging bis unter das Kinn. Am Ohr, wo das Haar zurückfiel, saß nichts, kein Stecker, kein Loch, und er dachte, dass sie aus einer Zeit kam, in der man Töchtern die Ohren nicht durchstach.

Er merkte, dass er anfing zu reden.

Er redete über Köln und über den Mann aus Leverkusen, der sein Klavier abgeholt und dabei zweimal gefragt hatte, ob der Preis so bleibe.

Dann kam er auf die Prüfung.

»Es waren dreiundzwanzig Leute im Saal«, sagte er. »Ich hab sie gezählt, während ich gewartet hab. Das macht man nicht, aber ich hab sie gezählt.« Er sah auf seine Hände. »In der dritten Minute kam die Stelle, an der ich hängengeblieben bin. Nicht schwer. Ich hatte sie tausendmal gespielt.«

Er hörte auf und fing wieder an.

»Ich bin nicht abgebrochen. Das ist das Blöde daran. Ich hab weitergespielt, elf Minuten, und jeder im Saal hat gewusst, wo es passiert ist, und ich hab weitergespielt, als wäre nichts.« Er zog eine Schulter hoch. »Danach hab ich es nicht mehr gemacht. Nicht vor Leuten.«

Sie unterbrach ihn nicht, was leicht war, und sie sah ihn nicht mitleidig an, was schwerer war und ihm mehr bedeutete.

Als er fertig war, hob sie die Hand und legte sie an seine Wange.

Es war dieselbe Bewegung wie an dem Abend, an dem er den Hocker nach ihr geschwungen hatte, und es war nicht dasselbe. Die Kälte war weg. Was blieb, war Druck, leicht und trocken, eine Handfläche an seinem Jochbein und ein Daumen, der zweimal darüber ging, langsam, so wie man es bei jemandem macht, der weint und es nicht zugeben will.

Er weinte nicht. Er hielt still und schloss die Augen und atmete durch die Nase.

Als er sie wieder aufmachte, war ihr Gesicht näher, und sie sah ihn an, aus weißen Augen, die keine Richtung hatten und ihn trotzdem trafen, und irgendwo hinter seinen Rippen zog sich etwas zusammen, das mit Angst nichts mehr zu tun hatte.

Sie ließ die Hand liegen, bis die Kerze auf dem Notenpult in sich zusammenfiel.

Draußen fuhr ein Auto vorbei, und die Scheinwerfer wanderten über die Decke, und Lukas hörte sein eigenes Herz und dachte, dass es zu laut schlug für einen so ruhigen Moment.

Es war nicht zu laut. Es war zu langsam, so langsam, dass er zwischen zwei Schlägen wartete, und als er am Morgen aufstand, holte es alles auf einmal nach, und auf der Treppe musste er sich zweimal setzen.


Nach der achtzehnten Nacht fing die Stadt an, ihn anzusehen. An einem dieser Abende merkte er, dass er seit Wochen vor Leuten spielte. Es war ihm bis dahin nicht aufgefallen.

Die Frau im Laden legte ihm zweimal etwas dazu, das er nicht bestellt hatte, Brötchen einmal, eine Tafel Schokolade beim nächsten Mal, und schob es über den Tresen, ohne es abzurechnen. Der Vermieter kam hoch, klopfte, sah ihn im Türrahmen an und fragte, ob mit der Heizung alles in Ordnung sei. Es war November, die Heizung lief seit einer Woche, und beide wussten das.

»Alles gut«, sagte Lukas.

Der Mann sah an ihm vorbei ins Zimmer, auf die Matratze und den Tisch und die Blätter, die überall lagen, und ging wieder.

Im Haus fiel es ihm nicht auf. Im Haus war er nie müde.

Das war das Merkwürdige, und er dachte tatsächlich ein paarmal darüber nach, zwischen zwei Sätzen, wenn er auf ein Blatt sah. Sobald er die Treppe oben hinter sich hatte, hörte das Ziehen in den Beinen auf. Die Finger, die morgens steif waren, liefen. Er konnte vier Stunden am Stück spielen, fünf, und merkte es nur daran, dass das Rechteck aus Mondlicht über den Boden gewandert war.

Draußen dann, auf der Straße, kam es zurück. Verdoppelt.

In der zwanzigsten Nacht stand die Musik kurz vor dem Schluss. Es fehlten nicht mehr viele Takte, und er wusste, welche es waren, er hörte sie schon, sie mussten nur noch aufs Papier und in die Hände.

An dem Abend wartete Anna nicht am Fenster.

Sie stand mitten im Raum, als er hereinkam, und sie stand ihm zugewandt, und Lukas blieb in der Tür stehen, weil etwas an ihrer Haltung nicht war wie sonst.

Sie hob eine Hand und zeigte auf ihn. Dann drehte sie die Hand um und zeigte auf die Tür, aus der er gerade gekommen war.

Er verstand es nicht.

Sie machte es noch einmal, langsamer. Auf ihn. Auf die Tür. Und dann etwas Drittes, das er nie zuvor an ihr gesehen hatte: Sie schüttelte den Kopf. Danach zeigte sie auf die Blätter am Boden und dann auf sich selbst. Ihre Hand ging noch ein Stück weiter, in seine Richtung, und blieb auf halbem Weg stehen. Dann sank die Hand, und sie schüttelte noch einmal den Kopf.

»Wir sind fast fertig«, sagte er.

Sie hörte auf, den Kopf zu schütteln, und stand einfach da.

Er ging an ihr vorbei zum Flügel, und als er sich setzte, sah er von unten in ihr Gesicht, und in dem Gesicht war etwas, das er von seiner Mutter kannte, aus einem Krankenhausflur, vor sehr langer Zeit. Er sah es und ordnete es ein und schob es weg, alles in derselben Sekunde, so wie man es tut, wenn man das Ende von etwas nicht will.

Dann legte er die Hände auf die Tasten.

Es waren zweiundsiebzig Takte bis zum Schluss.

Bei Takt zwanzig lief ihm Schweiß in den Kragen, obwohl der Raum kalt war. Bei Takt vierzig wurde das Papier vor ihm unscharf, und er spielte auswendig weiter, weil er es auswendig konnte. Bei Takt fünfzig hörte er neben dem Instrument seinen eigenen Atem, kurz und flach und viel zu schnell für das, was seine Hände taten.

Er sah einmal hoch.

Anna war vollständig. Sie stand im Kerzenlicht und warf einen Schatten, der zur Kerze passte, und ihre Haut war nicht mehr blaugrau, sondern hatte einen Ton, den man bei einem Menschen nicht bemerkt hätte, und ihre Augen waren immer noch weiß, aber in den weißen Augen stand jetzt Wasser.

Sie hielt beide Hände vor dem Mund.

Bei Takt sechzig ging seine linke Hand nicht mehr dorthin, wohin er sie schickte. Er korrigierte, verfehlte, korrigierte wieder. Den Rest spielte er mit einem Fehler in jedem zweiten Takt, und es war ihm gleich, und irgendwo unter dem Ganzen lag ein Gedanke, klein und weit weg, dass es dieselben Fehler waren, die er als Kind gemacht hatte.

Er traf den letzten Akkord.

Er hielt ihn, bis das Pedal ihn nicht mehr trug, und danach war es still, und in der Stille kippte der Raum nach links weg, und Lukas rutschte vom Hocker und schlug mit der Schulter auf und dann mit dem Kopf, und die Notenblätter unter ihm gaben nach wie Laub.

Der Wind kam von innen.

Er fuhr durch das Zimmer, ohne dass ein Fenster offen stand, riss den lachsfarbenen Vorhang waagerecht in den Raum, warf die Kerzen um und schlug im ganzen Haus die Türen zu, eine nach der anderen, von oben nach unten, bis es unten im Flur zweimal krachte und dann nichts mehr kam.


Sie standen innerhalb von Minuten vor dem Haus.

Sie waren an die Musik gewöhnt, und deshalb kamen sie, als sie aufhörte: die Frau aus dem Laden im Bademantel, der alte Mann von der Straße, der Vermieter, dahinter noch acht, die Handys hochhielten. Die Haustür stand offen wie seit Wochen. Sie gingen die Treppe hoch, in einer Traube, und blieben in der Tür des ockerfarbenen Zimmers stehen.

Lukas lag auf dem Boden, zwischen den Blättern, mit dem Gesicht zur Seite.

Neben ihm stand eine Frau.

Sie trug ein weißes Kleid, das keiner von ihnen einordnen konnte, und sie war barfuß, und ihre Augen waren nass. Sie hatte eine Hand halb ausgestreckt, in Richtung des Mannes am Boden, und zog sie nicht zurück, als die Leute hereinkamen.

»Wer sind Sie?«, sagte der Vermieter. »Was haben Sie mit ihm gemacht?«

Sie öffnete den Mund.

Es kam nichts.

Sie versuchte es noch einmal, und man sah, dass sie es versuchte, man sah die Kehle arbeiten und den Kiefer, und es kam kein Laut, und in dem Gesicht stand jetzt etwas, das jeder im Raum verstand, ohne es benennen zu können.

Zwei von ihnen bückten sich nach Lukas.

Sie fassten ihn unter den Achseln und an den Knien, und einer sagte, er atme, und sie trugen ihn hinaus. Die Frau im weißen Kleid ging nicht mit. Sie stand da, wo sie gestanden hatte, und sah der Gruppe nach, bis sie unten waren. Der Letzte drehte sich in der Tür noch einmal um, und danach sah sie niemand mehr.

Dann war sie allein.

Sie hatte, was sie gebraucht hatte. Das Haus war voll davon, sie spürte es in den Händen, in den Füßen, im Gewicht, das sie plötzlich hatte und seit über hundert Jahren nicht gehabt hatte. Sie konnte den Staub riechen. Sie konnte die Kälte auf der Haut spüren und wusste zum ersten Mal wieder, dass es unangenehm war.

Und es war nichts da.

Keine Erleichterung. Kein Triumph. Nur ein Raum, in dem gerade noch Musik gewesen war und in dem jetzt keine mehr war.

Sie ging zum Flügel und legte die Finger auf die Tasten.

Sie kannte jeden Takt. Über hundert Jahre lang hatte sie darauf gewartet, und jetzt stand er fertig auf dem Papier zu ihren Füßen, und sie hatte alles, was man braucht, um ihn zu spielen: Hände, Gewicht, Zeit.

Sie schlug an.

Was kam, war falsch. Nicht ein bisschen daneben. Es war ein Akkord, in dem kein Ton zum anderen gehörte, hart und flach und ohne Boden, und sie hörte es und schlug ihn noch einmal an, fester, und er wurde nicht besser.

Sie nahm die Hände hoch und sah sie an.

Es waren Hände. Sie hatten Gewicht und Farbe und einen Daumen, der sich bewegte, wenn sie es wollte, und es waren nicht seine. Der Takt, den sie gerade zerschlagen hatte, war der, an dem er drei Nächte gesessen hatte.

Im Treppenhaus hörte sie die Schritte der Leute, die ihn hinuntertrugen.

Da schrie sie.

Es kam aus einer Kehle, die seit über hundert Jahren nichts gesagt hatte, und es war kein Wort. Der erste Ton riss ihr etwas auf. Sie spürte es hinten im Hals, ein Brennen wie von zu heißem Wasser, und sie schrie weiter. Der Ton riss oben ab und setzte tiefer wieder ein, und in dem Geschmack, den sie so lange nicht gehabt hatte, war Blut.

Sie hörte nicht auf.

Unten auf der Straße legten Menschen die Hände an die Ohren und wichen zurück, und in den Fensterrahmen im Erdgeschoss ging ein Zittern.

Die Kerzen lagen, seit der Wind sie umgeworfen hatte.

Eine davon war zwischen die Notenblätter gerollt und dort liegen geblieben, während die Leute hereinkamen und Lukas hinuntertrugen, und irgendwann war das Wachs weit genug heruntergebrannt, dass der Docht auf dem Papier lag.

Das erste Blatt ging hoch, während sie schrie.

Papier lag überall. Es hatte dreißig Jahre in einem trockenen Zimmer gelegen, und es brannte, wie solches Papier brennt, in Sprüngen von Lage zu Lage, und die Fetzen stiegen schwarz auf und wurden nach oben getragen. Dann nahm das Feuer den Vorhang, dann den Lack, und dann kam es an die Saiten.

Sie schrie immer noch. Der Ton war dünner geworden, er kippte an den Rändern weg und kam als Zischen zurück, und irgendwann war das Feuer lauter als sie.

Sie stand im Feuer und wich nicht aus. Die Hitze kam an, und sie spürte sie, und das war der Teil, den sie behalten wollte: dass sie sie spürte. Über hundert Jahre lang war nichts an sie herangekommen. Jetzt kam etwas an, und es tat weh, und sie ließ es zu.

Von der Straße aus war das Letzte, was von ihr zu sehen war, bevor der Rauch die Fenster nahm, eine Gestalt am brennenden Flügel, mit gesenktem Kopf, die Hände noch auf den Tasten.

Dann fiel der Dachstuhl durch drei Etagen.


Die Feuerwehr brauchte neun Minuten und danach neun Stunden.

Die neun Stunden hatten einen Ton. Er kam in unregelmäßigen Abständen, und niemand auf der Straße wusste zuerst, was das war: ein Schlag, hell und kurz, und dahinter ein Nachhall, der sich nach oben zog und abriss. Dann lange nichts. Dann wieder.

Es waren die Saiten. Auf einem Flügel liegen achtzehn Tonnen Zug, und das Feuer nahm dem Stahl die Kraft, ihn zu halten, über die ganze Nacht. Jede riss mit einem Schlag, und jede gab dabei ihren letzten Ton ab.

Wer um vier noch dastand, konnte später nicht mehr auseinanderhalten, was er in dieser Nacht gehört und was er sich dazugedacht hatte. Sie erinnerten das Feuer und das Krachen der Balken und irgendwo dazwischen etwas, das nach einem Menschen geklungen hatte, und keiner von ihnen hätte sagen können, wann es aufgehört hatte.

Sie hielten das Nachbarhaus, das war alles, was zu halten war. Gegen vier Uhr früh stand der Keller unter Schaum, und was von den Obergeschossen übrig war, war der Umriss.

Am Morgen standen die Leute auf der anderen Straßenseite. Es roch nach nassem Brand, dieser Geruch, der sich in der Kleidung festsetzt und drei Tage bleibt, und aus dem, was einmal der erste Stock gewesen war, stiegen einzelne Fahnen auf und lösten sich über den Dächern auf.

In dem, was einmal der Flügel gewesen war, lag die gusseiserne Platte. Sie war das Einzige, was ganz geblieben war, schwarz und rechteckig, mit den Löchern, in denen die Wirbel gesessen hatten, und sie lag schief, weil der Boden unter ihr weggebrannt war.

Auf dem Gehweg lag Asche.

Sie lag dick und flockig und ohne Muster, bis an die Bordsteinkante, und die Frau aus dem Laden ging hindurch, um die Rollläden hochzuziehen, und hinter ihr blieben zwei Spuren stehen, quer über den Gehweg bis zur Tür.

Lukas lag im Kreisklinikum, zwei Orte weiter. Unterernährt, ausgetrocknet, Kreislauf im Keller. Am dritten Tag wachte er auf. Am fünften konnte er sitzen. Er sagte nicht viel, und wenn er etwas sagte, dann fragte er nach der Adresse, und irgendwann hörten sie auf, ihm zu antworten.

Am sechsten Tag legte er die Finger auf die Bettkante und ging die Stelle durch, an der er drei Nächte gesessen hatte. Die linke Hand kam bis zum Sprung und blieb liegen. Er wartete darauf, dass sie weitermachte, und sie machte nicht weiter, und nach einer Weile nahm er sie herunter und schob sie unter die Decke.

Am Tag darauf versuchte er es wieder. Die Hand kam bis an dieselbe Stelle und blieb liegen, und er nahm sie herunter, bevor jemand hereinkam.

Es war der Sprung, den sie ihm beigebracht hatte.

Von der Frau in dem weißen Kleid fand niemand eine Spur. Kein Personalausweis, keine Vermisstenmeldung, keine Überreste. Elf Leute hatten sie gesehen, und keine zwei beschrieben sie gleich, und weil die Aussagen so weit auseinandergingen, stand am Ende in der Akte, es sei vermutlich niemand dort gewesen.

Das Grundstück gehört einer Erbengemeinschaft. Sie hat sich über den Abriss bis heute nicht geeinigt.

Was von der Musik blieb, blieb in der Stadt.

Nicht als Aufnahme. Es hat nie jemand mitgeschnitten, und auf den Handyvideos aus jener Nacht ist nichts als Feuer und darüber ein Ton, den die Mikrofone nicht sauber bekommen haben. Es blieb in den Leuten, die abends auf dem Gehweg gestanden hatten, und es kam heraus, wenn sie nicht darauf achteten: als Summen beim Einräumen, als eine Tonfolge, die jemand mit zwei Fingern auf dem Küchentisch klopfte, ohne zu wissen, woher er sie hatte.

Es sind zwei Handschriften darin. Das hört keiner von ihnen, und es ändert nichts daran, dass es so ist.

Manche wachen nachts auf und wissen nicht, wovon.

Die Frau aus dem Laden hat wieder angefangen, Klavier zu spielen. Sie hat sich ein gebrauchtes Instrument in den Flur stellen lassen, dorthin, wo bei ihrer Großmutter eines gestanden hat, und sie setzt sich abends davor, wenn der Laden zu ist. Sie sagt, sie könne es eigentlich nicht. Und dass ihre Hände jedes Mal vorher langsamer würden.

Und manchmal, an sehr stillen Abenden, wenn kein Auto kommt und die Luft feucht genug ist, dass sie Geräusche trägt, behaupten Leute, sie hörten es noch. Weit weg, gedämpft, als käme es durch zwei Wände und ein geschlossenes Fenster.

Es bricht immer an derselben Stelle ab.

Dann setzt es neu an und geht weiter.

E N D E


Nachbemerkung

Diese Geschichte ist erfunden. Sie spielt im Herbst 2017, und ihre erste Fassung erschien im März 2025.

Das Gebäude, das dem Schauplatz Pate stand, ist real und in der Nacht zum 16. Mai 2026 abgebrannt. Die Brandursache war bei Erscheinen dieser Fassung nicht geklärt. Die Erzählung ist älter als das Ereignis und hat nichts damit zu tun.


Der Ort

Ein Flügel mit geöffnetem Deckel in einem verfallenen Zimmer der leerstehenden Villa
Der Flügel, Februar 2019.

Den Flügel gab es wirklich. Ich habe ihn im Februar 2019 fotografiert, gut ein Jahr nach dem Herbst, in dem diese Geschichte spielt. In der Geschichte steht er zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. So weit reicht die Erfindung.

Das Haus selbst, seine Geschichte und den Rest der Räume habe ich getrennt davon dokumentiert: Die Urologen-Villa Anna L.

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Rico Mark Rüde

Seit 2002 widmet er sich der urbanen Erkundung, indem er unbekannte Orte aufspürt, die oft im Verborgenen liegen, obwohl sie mitten unter uns sind. Seine Entdeckungen hält er fotografisch fest und bereichert sie in seinem Blog mit ausführlichen Recherchen und Texten. Neben seinem Interesse für das Urbexing engagiert er sich auch im Schreiben von Geschichten und Büchern sowie im detailreichen Modellbau.

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