FantasyRoman Reed

Klänge der Ewigkeit

Wenn Melodien die Grenze zwischen Leben und Tod verwischen

„Musik ist die stärkste Form der Magie.“ – Marilyn Manson

In der Mitte eines verschlafenen Städtchens stand ein altes, verlassenes Haus. Obwohl um das Gebäude herum reges Treiben herrschte, wirkte es wie aus einer anderen Zeit, vergessen von der Welt. Im Inneren, in einem Zimmer im ersten Stock, stand ein alter, verstaubter Flügel – ein Klavier, das seit Jahrzehnten unberührt blieb. Gerüchte erzählten von tragischen Schicksalen und verschwundenen Bewohnern, und manche behaupteten, dass nachts leise Musik aus dem Haus drang, obwohl dort seit langer Zeit niemand mehr wohnte.

Eines Tages zog ein talentierter Pianist namens Lukas in das Städtchen. Ihn faszinierte das alte Gebäude, und er hoffte, dort Inspiration für seine nächste Komposition zu finden.

Als er das alte Haus betrat, spürte er eine seltsame Kälte, die durch die Eingangshalle wehte. Ein dumpfer Geruch nach Moder und altem Holz lag in der Luft, und der Boden knarzte protestierend unter seinen Füßen. Doch als er den Raum im ersten Stock betrat und das Klavier sah, verblassten all diese Eindrücke. Sein Herz schlug schneller, und ein merkwürdiges Kribbeln breitete sich in seinen Fingern aus, als würde das Instrument ihn rufen. Vorsichtig berührte er eine der verstaubten Tasten, und der tiefe, resonante Klang, der durch das Haus hallte, ließ ihn erstaunen.

In den kommenden Tagen verbrachte Lukas Stunden damit, das alte Klavier zu spielen, das ihm wie ein Portal zu einer anderen Zeit und einem anderen Raum vorkam. Seine Melodien erfüllten das alte Haus, strömten aus den Fenstern und verbreiteten sich über den gesamten Ort.

Doch bald bemerkte er etwas Eigenartiges: Nachts, wenn das Klavier nicht gespielt wurde, erklangen von irgendwo im Haus immer wieder melodische Töne, die den neu komponierten Stücken von Lukas erstaunlich ähnlich waren. Die Töne klangen gedämpft und fern, wie ein Echo, das durch verwinkelte Korridore huschte, stets knapp außerhalb seiner Reichweite. Manchmal glaubte Lukas sogar, leises Flüstern oder das Rascheln von Stoff zu hören, doch jedes Mal, wenn er sich umwandte, blickte er nur in dunkle, leere Räume. Und obwohl der Raum stets voller Staub war, schien das Klavier selbst auf unerklärliche Weise immer frei von Schmutz und wie frisch poliert zu sein.

Angespornt durch diese mysteriösen Ereignisse beschloss Lukas, eine Nacht im Haus zu verbringen. Punkt Mitternacht erwachte das Klavier plötzlich zum Leben. Eine traurige, sehnsüchtige Melodie erfüllte das Haus, und am Klavier erschien die schimmernde, geisterhafte Gestalt einer Frau. Ihr durchscheinendes Kleid schien wie von einer unsichtbaren Brise bewegt, und ihr Gesichtsausdruck spiegelte tiefe Traurigkeit wider.

„Wer bist du?“, fragte Lukas leise, während er kaum wagte, näherzutreten. Die Frau blickte auf und antwortete sanft: „Ich bin Anna. Du hast mich geweckt.“ Ein kalter Schauer lief über Lukas‘ Rücken, doch er fühlte zugleich, dass von ihr eine seltsame Wärme ausging, die ihn beruhigte.

Intuitiv spürte Lukas, dass dies Anna sein musste, die Pianistin, von der die alten Geschichten erzählten. Anna hatte ihr ganzes Leben diesem Klavier gewidmet, hatte Stunden, Tage, ja Jahre daran verbracht, die perfekte Melodie zu erschaffen, ehe ihre Träume vom Tod unterbrochen wurden. Ihr Traum, ein großes musikalisches Werk zu schaffen, blieb unerfüllt, da sie vorzeitig starb. Durch Lukas‘ Musik wurde sie aus ihrem Schlaf gerissen.

Obwohl Lukas‘ Herz schneller schlug und ihn eine innere Unruhe erfasste, spürte er keine Angst, sondern vielmehr eine unerklärliche Nähe mit Anna. Seine Hände zitterten leicht, doch ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus, als er in Annas traurige, aber freundliche Augen blickte. Er beschloss, ihr zu helfen, ihr unvollendetes Meisterwerk zu komponieren. Unter ihrer Führung schuf er die Melodie, die Anna immer schaffen wollte. „So sollte es klingen“, flüsterte Anna, als Lukas die letzten Noten spielte. „Danke, dass du meinen Traum vollendest.“

Die merkwürdige Aura des Hauses wandelte sich in ein Zentrum der Kreativität und Harmonie. Jede Note schien die Luft selbst in sanfte Schwingungen zu versetzen, und das Haus schien bei den Melodien leise mitzuschwingen. Fensterläden, die lange Zeit verschlossen gewesen waren, öffneten sich wie von Geisterhand, und sanftes Mondlicht flutete in Räume, die jahrzehntelang in Dunkelheit gelegen hatten. Lukas und Anna verbrachten viele Nächte am Klavier, ihr gemeinsames Werk erfüllte das ganze Haus und drang in die Straßen der Stadt aus.

Die Einwohner des Städtchens, zuerst beunruhigt von den nächtlichen Klängen, begannen, die Musik zu schätzen. Die Melodien von Lukas und Anna wurden zum Herzschlag der Stadt. Die Bewohner blieben oft stehen, schlossen die Augen und lauschten den Tönen, die Erinnerungen weckten und längst vergessene Gefühle zurückbrachten. Einige Bewohner berichteten sogar, die Stimmen längst verstorbener Angehöriger gehört zu haben, die ihnen in den Melodien Trost spendeten und Frieden schenkten. Das verlassene Haus wurde zum Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart in der zeitlosen Sprache der Musik miteinander verschmolzen.

Lukas fühlte eine tiefe Bindung zu Anna und verbrachte immer mehr Zeit im Haus, spielte am Klavier und führte die Melodien aus, die sie ihm in ihren nächtlichen Sitzungen lehrte. Es war, als seien ihre Seelen durch unsichtbare Fäden verbunden, die mit jeder gemeinsamen Melodie stärker wurden, ihn jedoch auch immer weiter in Annas Welt zogen. Doch es blieb ihm verborgen, dass jede Note, die er spielte, seine Lebensenergie zu Anna übertrug.

Die Bewohner des Städtchens bemerkten, wie Lukas mit der Zeit immer blasser und schwächer wurde. Dunkle Schatten zeichneten sich unter seinen Augen ab, seine Schritte wurden langsam und schleppend, als koste jede Bewegung unendlich viel Kraft. Sein Blick wirkte leer, sein Körper wurde dünner und seine Augen matt. Doch so besorgt sie auch waren, keiner wagte es, das Haus zu betreten.

Inzwischen war Anna immer lebendiger geworden. Mit jedem neuen Lied wurde Annas Gestalt sichtbarer und fester. Sie schien ihre Energie aus Lukas‘ Musik zu ziehen, so als ob sie sich von seiner Lebendigkeit ernähren würde.

Lukas, obwohl körperlich erschöpft, fühlte eine unerklärliche Faszination und Verbundenheit zu Anna und dem Klavier. Trotzdem zog es ihn immer wieder ans Klavier zurück, und er spielte weiter.

Eines Abends, während Lukas eine besonders intensive Melodie spielte, fühlte er, wie seine Kräfte schwinden. Schweiß lief ihm über die Stirn, sein Atem wurde flach und stoßweise, und seine Finger zitterten, während er sich verzweifelt bemühte, die Kontrolle über sein Spiel zu behalten. Seine Hände, die soeben noch über die Tasten geflogen waren, wurden schwer und sein Blick wurde unscharf. „Anna… was passiert mit mir?‘ murmelte Lukas schwach. Anna blickte ihn traurig an. „Es tut mir leid. Das war nie meine Absicht.“ Doch anstatt aufzuhören, spielte er weiter, getrieben von der Musik und seiner Verbindung zu Anna.

Annas Gestalt war nun fast vollständig sichtbar. Ihr einst durchscheinender Körper schien im Mondlicht beinahe zu glühen, und die Konturen ihres Gesichts wurden so lebendig, dass man jeden ihrer traurigen Blicke und jedes Zögern ihrer Hände beim Spiel erkennen konnte. Je näher die Melodie ihrem Ende kam, desto deutlicher und lebendiger wurde Anna, während Lukas immer schwächer wurde. Als die letzte Note verklungen war, sank Lukas kraftlos vom Klavierstuhl zu Boden und rührte sich nicht mehr. In diesem Moment durchfuhr ein eisiger Windstoß das Zimmer, ließ die Vorhänge wild flattern und schlug Türen mit einem lauten Knall zu, als würde das Haus selbst seinen Schmerz hinausschreien wollen. Anna, nun fast vollständig in der physischen Welt, trat aus dem Klavier hervor.

Die Bewohner der Stadt, die die abrupt endende Musik hörten, eilten zum Haus. Verwirrt und erschrocken blieben sie an der Tür stehen und starrten ungläubig auf die unbekannte Frau, die stumm neben dem bewusstlosen Lukas am Klavier stand. „Wer sind Sie? Was haben Sie ihm angetan?‘ rief einer der Bewohner fassungslos. Anna schwieg, den Blick voll Reue auf Lukas gerichtet. Der Austausch war vollzogen: Anna hatte Lukas‘ Lebenskraft genommen, um selbst wieder zu leben. Doch die Melodien, die Lukas erschaffen hatte, blieben in den Erinnerungen der Stadt lebendig.

Anna stand am Klavier, den bewusstlosen Lukas zu ihren Füßen. Ihr Blick glitt durch das Haus, das einst ihr Zuhause war, jetzt erfüllt von Lukas’ Lebenskraft. Doch sie fühlte keine Freude, keine Befriedigung. Eine bedrückende Leere breitete sich in ihr aus, und die Stille, die Lukas’ fehlende Melodien hinterließen, schmerzte mehr als alles andere zuvor. Sie war zurück in der Welt der Lebenden, ja, aber zu welchem Preis? In ihrem Inneren tobte ein Sturm aus Schuldgefühlen und Sehnsucht nach jener Welt, aus der sie kam – einer Welt, in der Musik unberührt von Leid und Schmerz existierte.

In der Dunkelheit des Hauses stieg in ihr eine innere Wut auf. Sie hatte Lukas‘ Lebensenergie genommen, das war wahr, aber sie wollte nie jemandem Schaden zufügen. Sie wollte nur ihre Musik vollenden, ihre Leidenschaft leben. Aber das, was passiert war, das konnte sie nicht rückgängig machen.

In ihrer Verzweiflung und Wut schlug Anna eine harte, dissonante Note auf dem Klavier an. „Es hätte nicht so enden dürfen!“ schrie sie in den Raum hinein. Das Klavier, aufgeladen mit der Kraft von Lukas‘ Lebensenergie, antwortete mit einer plötzlichen, zerstörerischen Kraft auf den Klang. Eine Flammenwelle schoss aus dem Klavier hervor und breitete sich rasend schnell im Haus aus.

Die Bewohner des Ortes, die bereits versuchten, den bewusstlosen Lukas aus dem Haus zu ziehen, sahen entsetzt zu, wie das alte Haus von einem Moment zum nächsten in Flammen aufging. Sie konnten gerade noch rechtzeitig Lukas aus dem Haus ziehen, bevor das Feuer alles verschlang. Hustend und nach Luft ringend legten sie Lukas vorsichtig auf den kalten Boden, während die Hitze der Flammen sie zwang, zurückzuweichen.

Anna blieb im brennenden Haus, umgeben von Flammen und der immer noch in der Luft hängenden Musik. Sie sah zu, wie das Feuer das Klavier, das Zentrum ihrer und Lukas‘ Schöpfung, verzehrte. Knisternde Funken stoben empor, Balken krachten und splitterten, während die Flammen gierig alles verschlangen, was einst von Bedeutung gewesen war. Und dann war sie allein inmitten der Flammen.

Als die Feuerwehr eintraf, war das Haus bereits ein flammendes Inferno. Sie kämpften stundenlang gegen die Flammen, aber es war zu spät. Das Haus und das Klavier waren verloren.

Am nächsten Morgen standen die Bewohner des Ortes um die rauchende Ruine des alten Hauses. Der beißende Geruch von verbranntem Holz und verkohltem Stein lag schwer in der Luft, und vereinzelte Rauchschwaden stiegen wie geisterhafte Schleier in den Himmel. Sie erinnerten sich an die Melodien, die das Haus einst erfüllten, und an Lukas, der nun im Krankenhaus um sein Leben kämpfte. Von Anna war keine Spur zu finden.

Das Feuer hatte das alte Haus und das Klavier vernichtet und damit auch Anna, die aus Lukas‘ Lebensenergie geboren wurde. Aber die Melodien, die sie gemeinsam geschaffen hatten, würden in den Herzen der Menschen weiterleben. Wie ein sanfter Windhauch würden sie flüstern, in Momenten der Stille Trost spenden und an eine Geschichte erinnern, die niemand je vergessen würde. Manche behaupteten später, dass man an besonders stillen Abenden immer noch das sanfte Klavierspiel hören konnte, das wie ein Echo aus einer anderen Welt erklang, getragen vom Wind und dem bittersüßen Gefühl einer Erinnerung, die niemals verblassen würde.

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Rico Mark Rüde

Seit 2002 widmet er sich der urbanen Erkundung, indem er unbekannte Orte aufspürt, die oft im Verborgenen liegen, obwohl sie mitten unter uns sind. Seine Entdeckungen hält er fotografisch fest und bereichert sie in seinem Blog mit ausführlichen Recherchen und Texten. Neben seinem Interesse für das Urbexing engagiert er sich auch im Schreiben von Geschichten und Büchern sowie im detailreichen Modellbau.

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